Letztes Wochenende war es endlich so weit: Ich fuhr zur Großen Mauer!
Die Große Mauer hat eine Gesamtlänge von ca. 8800 Kilometern und gilt als größtes Bauwerk der Erde. Doch die „Wanli Chang Cheng“ (dt. Unendlich lange Mauer) ist nicht aus einem Stück, sondern besteht aus mehreren kleineren Abschnitten, die während der verschiedenen Königreiche entstanden sind.
Für meine 12 km Tour hatte ich mir den Abschnitt bei Jinshanling (Goldene Berggegend) ausgesucht. Jinshangling liegt ca. 120 km nordöstlich von Beijing im Kreis Luamping der Provinz Hebei. Der Mauerabschnitt führt bis nach Simatai, dem mit 800 Meter ü. Null höchsten Punkt der Mauer.
Pünktlich um 05:40 (!) Uhr Samstagmorgen stand ich am vereinbarten Treffpunkt. Leider war auch nach 20 Minuten mein Guide bzw. der Tourbus unauffindbar. So entschied ich mich meine Ansprechpartnerin von beijing-tours.com aus dem Bett zu klingeln (tut mir ja leid, aber ich hatte echt keinen Nerv an einem Samstag umsonst so früh aufgestanden zu sein!). Und wie ein Wunder stand nach dem Telefonat mein Guide mit einem „Sorry“ auf den Lippen vor mir – jetzt geht’s los! :-) In dem Tourbus, dessen Sitzabstände für Leute UNTER 1.50m gemacht wurden, bekamen wir unsere Lunch box: Sandwiches und Trinkpäckchen ;-) Nach 3 Stunden Fahrt kamen wir in Jinshanling an. Während der Fahrt wurde eifrig gequatscht und gelacht. Als jedoch das erste Mal die Große Mauer zu sehen war, legte sich ein ehrfürchtiges Schweigen über den kompletten Bus. Schon echt beeindruckend!
Vor Ort wurden wir kurz eingewiesen: Oben links halten, nach dem 28. Tower die Hängebrücke überqueren und dann nach weiteren 2 Tower rechts zum Parkplatz. Ihr habt 4 Stunden und „go“! Ach und „by the way: Der Sessellift ist out off order – ihr müsst also zu Fuß den Berg hoch zur Mauer laufen!“ Ich war echt ziemlich erleichtert, dass ich nicht in einem klapprigen Lift, der was weiß ich wie lange keinen TÜV mehr gesehen hat, den Berg hoch zu fahren – oh wie ich mich täuschen sollte! ;-) Der 15 minütige Aufstieg war so dermaßen anstrengend, dass ich oben angekommen schon total aus der Puste war! Wie peinlich! Glücklicherweise war ich nicht die einzige, die wie ein Walross schnaufte! ;-) Unterwegs heftete sich klein Jo an meine Fersen: Mein persönlicher Guide. Mit seinen (geschätzten) 14 Jahren ist es sein Beruf Touris über die Mauer zu führen und ihnen anschließend Souvenirs anzudrehen. Jedenfalls oben angekommen, eröffnete sich mir ein beeindruckender Blick! Einfach nur genial!
Schnell ein paar Fotos geschossen und dann ging die Tour los. Meine Gruppe hatte sich schon während des Bergaufstiegs aufgelöst, aber ich hatte ja Jo ;-) Nach dem 5. (von insgesamt 30 Towern) war ich schon wieder ziemlich außer Atem und ich spürte jeden Muskel in meinen Beinen, aber aufgeben gilt nicht! ;-) Trotzdem fragte ich mich, wieso diese hiking tour eigentlich nur BERGAUF geht! Aber der strahlendblaue Himmel und die immer neuen Aussichten nach jeder Biegung entschädigten doch für einiges! Doch war ich erleichtert, als ich sah, dass auch Jo langsam ins Schwitzen geriet, obwohl er flink wie ein Wiesel über die Treppen huschte. Da der Teil bei Jinshanling nicht restauriert war, war es teilweise recht abenteuerlich wie man sich dort fortbewegte. Ich freute mich über meine guten Timberlands aus New York. Hier haben sie mir echt das Leben gerettet! ;-)
Nach Tower 7 wurden die Berghänge leider immer steiler und steiler, sodass auch der Aufstieg immer anstrengender wurde. Teilweise ging es echt pervers steil nach oben, sodass man bequem im aufrechten Stand die nächste Treppenstufe (ohne nach vorne lehnen!) berühren konnte! Hammer! ;-) Bei Tower 10 fing ich an leise vor mich hin zu fluchen – mich versteht ja eh niemand! ;-) Oben angekommen machte ich eine kleine Verschnaufpause und beobachtete einen Mann aus meiner Gruppe, der sich ebenfalls fluchend die Treppen hochquälte ;-) Ich war nicht allein!:-)
(Ja, es ist wirklich so steil, wie es aussieht!)
Nach ein bisschen mehr als der Hälfte (Tower 17 oder so) verließ mich Jo, da ich mich weigerte ein hässliches Souvenir zu kaufen. Obwohl mir der kleine Junge echt leid tat, kaufte ich nichts, da er sich als Schwindler entpuppte. Am Anfang der Tour gab er sich als Waise aus und zum Ende verplapperte er sich und sagte er hätte nun doch Vater und Mutter! Sauerei, mir tat der Junge am Anfang echt leid! Alles Touriabzocke! Später im Bus war dann doch auch die Mehrzahl der Teilnehmer mit solchen Souvenirs bestückt – es lohnt sich also doch! ;-) Kurz nachdem unsere Guides uns verlassen hatten, wurde es nochmal ganz schön abenteuerlich! Um in den Tower reinzukommen, mussten wir uns aus Steinen selbst eine Art Podest bauen, damit wir uns in den Turm hochziehen konnten. Auf der anderen Seite wurde es dann wirklich Bergsteigen: Um aus dem Tower wieder auf die Mauer zu gelangen, musste man sich blind rückwärts ca. 4 Meter hinunter hangeln. Alles in der Hoffnung die kleinen Vorsprünge oder Lücken in der Mauer würden halten- sie sind ja auch schon mehrere hundert (!) Jahre alt ;-). Dass der Mensch ein Rudeltier ist, merkte man hier. Der Großteil der Gruppe fand an dem Punkt wieder zusammen. Zum einen staute es sich natürlich vor dem Abstieg und zum anderen konnte man ohne Hilfe diesen nicht bewältigen! So half man sich gegenseitig bei dem Abstieg, indem man dem Kletterer sagte, wo er/sie die Füße platzieren musste!
Nach dem mehr oder weniger gelungenen Klettererlebnis, gelangten wir zu einem Abschnitt der restauriert war und vor allem BERGAB führte. Nun war das Ziel schon in greifbarer Nähe. Ein bisschen sentimental gestimmt, lief ich die letzten Kilometer bis zum 30. Tower. Am Anfang war ich recht traurig, dass die Zeit für einen Aufstieg bis zur Simatai Spitze nicht reichte. Als ich jedoch die Steigung sah, war ich echt dankbar ;-) Ich denke trotzdem, dass ich nochmal nach Simatai fahren werde um dort den höchsten Punkt zu erklettern :-)
An unserem Ziel angekommen, hatten wir zwei Möglichkeiten zum Busparkplatz zu gelangen: 1. ein langweiliger Bergabstieg oder 2. die Seilrutschte! Auch wenn meine Füße nicht so doll geschmerzt hätten und meine Beine nicht gezittert hätten, ich hätte die Seilrutsche genommen ;-) Diese führte über einen Stausee ans andere Ufer nach unten. Ich muss allerdings sagen, dass es von weiter weg nicht so hoch und klapprig aussah, wie von nahem! ;-) In meinem Sitzgurt geschnallt, bekam ich doch etwas nasse Hände, denn diese Seilbahn war echt BAUFÄLLIG! Naja, kneifen gilt nicht, also runter! Es war richtig genial! Und die Höhe ging auch noch klar – man darf nur nicht nach unten gucken! ;-) Am anderen Ufer wurde man abgeschnallt und fiel hundemüde -nach einem kleinen Spaziergang- zurück in den Bus!
Nach gefühlten 100.000 bergauf-Treppen (die meisten konnte man aber nicht als solche identifizieren), 10 Klettertouren rauf oder runter und einigen Flüchen später („und ich bezahle hierfür auch noch!“), habe ich es geschafft und bin meine 12 km hiking Tour auf der Großen Mauer bei Jinshanling gelaufen (obwohl ich es mir nie im Leben so anstrengend vorgestellt hatte!) ;-) Ein tolles Gefühl!!!
Und nun noch schnell was zu Sonntag: Der letzte Tag der Woche brachte mir wieder strahlend blauen Himmel und Sonnenschein. Den Muskelkater ignorierend, machte ich mich (wieder mit Kamera bewaffnet) auf den Weg. Für mich ging es in den Beihai Park, der Kaiserpark, neben der Verbotenen Stadt. Vor dem Tor sammelten sich schon die chinesischen Tourigruppen und es war wirklich proppenvoll! Aber dennoch war der Park die 12 Yuan (ca. 1.20 Euro – wie niedlich, oder?^^) wert. Ich hätte auch mehr bezahlt! Der Park besteht eigentlich mehr aus einem großen See (laut Reiseführer gut 70ha), in dessen Mitte sich die Jadeinsel befindet. Auf der Insel befindet sich die White Pagoda.
Überall sind kleine Stände aufgebaut, wo man Eis, Wasser, Snacks und Souvenirs kaufen kann. Mit einer Fähre setzte ich über den See und machte einen gemütlichen Spaziergang um den See herum. Am Ufer waren z.B. die „fünf Drachen Pavillons“, die „neun Drachen Mauer“ und verschiedene kleine Tempel und Gärten angesiedelt.
Nach meinem Rundgang beschloss ich noch auf den Kohlehügel im Jingshan Park um die Ecke zu steigen. In diesem Park war es nicht ganz so voller Touris, aber dennoch nicht gerade leer. Nach wieder gefühlten 10.000 Treppen befand ich mich bei dem höchsten Pavillon des Kohlehügels und hatte eine wunderschöne Sicht auf die Verbotene Stadt und den Beihai Park. Eigentlich über fast ganz Beijing!
Von hier oben konnte sehr gut die Größe der Verbotenen Stadt und dessen Symmetrie erkennen! In der Nachmittagssonne schimmerten die Dächer richtig golden! Hier oben machte ich eine Pause, ließ mir die Sonne ins Gesicht scheinen und genoss die Aussicht. Circa 100 Fotos später machte ich mich auf den Weg zurück. Auf dem Rückweg fand ich noch den berühmt/berüchtigten Akazienbaum an dem sich angeblich der letzte Kaiser erhängt haben soll. Da hier alle Chinesen ein Foto schossen, machte ich aus Solidarität auch eins:
Abschließend muss ich sagen, dass beide Parks wirklich traumhaft schön waren. Besonders lebendig ist aber der Jingshan Park, denn hier wird an jeder Ecke getanzt, gesungen (Karaoke oder Chor) oder sonst irgendwie Musik gemacht. Der ganze Park war ein einziges großes Sommerfest!